Stadt Reutlingen

Stadt Reutlingen

Verwaltungsdezernat

Gz.: 40-7-362-51-7 Nr. 187-ge-ks

05/005/12.1

zu TOP 7 nö VKSA 19.04.2005

12.04.2005

Beratungsfolge

Datum

Behandlungsart

Ergebnis

VKSA

GR

19.04.2005

28.04.2005

nichtöffentlich

öffentlich

 

 

Beschlussvorlage

Aktivitäten in Reutlingen zum 60-jährigen Ende des Zweiten Weltkrieges

- Anträge der Fraktion Die Grünen und Unabhängigen vom 18.02.2005 (GR-Drucksache Nr. 05/005/12)

 

 

 

Beschlussvorschlag

 

1.    Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Sinti-Familie Reinhardt in der Lederstraße 34 (heute Gastwirtschaft Gerbersteg Willy-Brandt-Platz 21) werden keine so genannten „Stolpersteine“ verlegt. In Reutlingen ist in der jüngeren Vergangenheit in vielfältiger Weise die Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert und an das Schicksal der Opfer erinnert worden. Angemessene Formen des Mahnens und Gedenkens sind vorhanden. (Zur weiteren Begründung wird auf die Stellungnahme im Text der Vorlage verwiesen.)

 

2.    Die Bezeichnung Hindenburgstraße wird beibehalten.

 

3.    Eine neuerliche Beratung der Straßen- und Sportstättenbenennungen nach Carl Diem wird zurückgestellt, bis die Ergebnisse des derzeit an der Universität Münster durchge­führten Forschungsprojekts einschließlich einer Gesamteinschätzung von Person und Wirken von Carl Diem vorliegen.

 

4.    Eine Umbenennung der Ludwig-Finckh-Straße wird nicht vorgenommen.

 

5.    Bei sich bietender Gelegenheit wird eine Straße in Reutlingen nach dem Hitler-Attentäter Georg Elser benannt. Die dem Gemeinderat vorliegende Antragsliste zur Vergabe von Straßennamen wird entsprechend ergänzt.

 

 

Finanzielle Auswirkungen

 

HHJ

HHST

Betrag in €

Plan

Jährliche Folgekosten

-/-

 

 

 

 

 

Deckungsvorschlag

Deckungsmittel in €

 

 

 

Begründung

 

Allgemeine Vorbemerkung:

In Reutlingen ist in der jüngeren Vergangenheit in vielfältiger Form und durch eine große Zahl von Veranstaltungen und Initiativen dem Gedenken, Mahnen und Erinnern an das Unheil der nationalsozialistischen Diktatur Rechnung getragen worden. Die Stadt hat sich der Verantwortung, diese Ereignisse aufzuarbeiten und Position zu beziehen, sehr bewusst gestellt; seit vielen Jahren findet eine intensive und qualifizierte Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der NS-Diktatur statt.

Von nachhaltiger Bedeutung war und ist die umfassende Aufarbeitung der lokalen Ge­schichte zwischen 1930 und 1950, die 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes von Stadtarchiv und Heimatmuseum geleistet worden ist. Die historische Ausstellung, die weit über den lokalen Rahmen hinaus geschätzte Publikation „Reutlingen 1930-1950. Nationalsozialismus und Nachkriegszeit“, der Themenband der Reutlinger Geschichtsblätter 1995 und eine zehnteilige Vortragsreihe bilden seither eine fundierte und verlässliche Grundlage für sämtliche Fragestellungen und Aspekte jenes Abschnitts der jüngeren Stadtgeschichte (gerade auch zur Ausgrenzung und Verfolgung von Minderheiten und zu den Auswirkungen der nationalsozialistischen Rassenpolitik). In diesem Zusammenhang sind auch zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt und dokumentiert worden; ferner wurden in Zusammenarbeit mit dem Oberschulamt und den örtlichen Schulen Materialien für den Unterricht erstellt. Seit 1996 ist das Thema „NS-Diktatur, Krieg und Verfolgung“ auch in der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung des Heimatmuseums präsent. Bereits im August 1994 hat das Stadtarchiv anlässlich des 50. Jahrestags der „Auflösung“ des Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau mit einer Ausstellung in seinen Wandvitrinen und ausführlichen Presseartikeln an die Deportation von Reutlinger Sinti-Familien erinnert.

 

Die Namen der Opfer der Gewaltherrschaft 1933-1945 und der Toten des Zweiten Weltkriegs wurden 1999 in einem Gedenkbuch festgehalten; ein Exemplar liegt seither in der Vorhalle der Marienkirche unter einer entsprechenden Gedenktafel aus. 1987 wurde an der Mauer des Heimatmuseumsgartens eine Gedenktafel zur Erinnerung an das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger errichtet, und seitdem finden auch in dreijährigem Turnus Einladungen mit vielfältigen Gesprächs- und Begegnungsmöglich-
keiten – auch in Schulen – statt. Der gemeinsam von ACK, Schulen und Stadt veranstaltete Gedenkgottesdienst in der Marienkirche am 9. November zur Erinnerung an die Reichspogromnacht mit anschließendem Lichterzug gehört ebenfalls schon seit fast zwei Jahrzehnten zu einem festen Ritual des Mahnens und Nicht-Vergessens. Schließlich stellt das vor wenigen Wochen vom Stadtarchiv herausgebrachte Buch „Es gab Juden in Reutlingen“ mit den Forschungsergebnissen der Geschichtswerkstatt und der beiden Autoren Bernd Serger und Karin-Anne Böttcher eine fundierte und gleichermaßen ergreifende Dokumentation des Schicksals der jüdischen Familien und Geschäfte in Reutlingen dar und bietet insbesondere für den schulischen Unterricht vielfältige Anknüpfungspunkte.

 

Die Geschichte des Einsatzes ausländischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs in Reutlingen ist bereits 1995 in gründlicher Weise aufgearbeitet worden. Dank eines speziell zu diesem Zweck entwickelten Datenbankprogramms konnten seither in mehreren hundert Fällen für die Betroffenen entsprechende Nachweise erstellt werden. Einige Jahre später beschäftigte sich ein zweites Dokumentationsprojekt mit den speziell bei der Stadt und ihren Einrichtungen eingesetzten Zwangsarbeitern; die Recherchen mündeten in finanzielle Hilfeleistungen und eine Einladung, bei der wiederum eine Begegnung mit Schülern auf dem Programm stand. Eine Gedenktafel an der Stelle eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers erinnert an das Schicksal der rund 4.000 in Reutlingen eingesetzten Menschen.

 

Auch zum 60. Jahrestag des Kriegsendes findet in Reutlingen eine ganze Reihe von Veranstaltungen statt. Zu nennen sind das umfangreiche Programm zur Befreiung von Auschwitz vor 60 Jahren und zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus im Januar 2005, ferner Vorträge, Lesungen, Interviews und ein Gesprächsabend mit Zeitzeugen („Reutlinger Frauen erinnern sich“) sowie eine Ausstellung der Gedenkstätte Grafeneck.

 

Auch durch entsprechende Straßenbenennungen sind erst in jüngster Zeit Erinnerungszei­chen an Widerstand und Verfolgung im Dritten Reich gesetzt worden (Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer). Bisweilen kann es auch notwendig sein, durch die Änderung von Straßennamen Zeichen zu setzen (z. B. Umbenennung der nach NS-Größen genannten Straßen nach 1945). Andererseits haftet auch Straßennamen und Benennungen nach bestimmten Personen – aus entsprechender historischen Distanz – eine eigene Geschichtlichkeit an, die es in vertretbarem Rahmen zu berücksichtigen gilt. Straßennamen und die Personen, nach denen Straßen benannt sind, sind immer auch zeitbedingt, und die Wertmaßstäbe und Bewertungen ändern sich – Geschichte verläuft nicht kontinuierlich und ohne Brüche. Zwischen diesen Polen gilt es kritisch abzuwägen und zu gewichten, wobei die Beurteilungen und Sichtweisen – so auch in den vorliegenden Fällen – durchaus ambivalent ausfallen können. Vor diesem Hintergrund sind auch die obigen Beschlussvorschläge zu sehen.

 

 

Zu 1.

Die Frage eines Hinweises auf den Wohnsitz und das Schicksal der Reutlinger Sinti-Familie Reinhardt ist bereits vor drei Jahren im VKSA behandelt worden. Auf die seinerzeitige Vor­lage mit Begründung wird verwiesen (GR-DS Nr. 02/5/13.1), ebenso auf das Schreiben von OB Dr. Schultes an Prof. Dr. Jochen Fuchs in dieser Sache vom 18.02.2002. An diesem Sach- und Erkenntnisstand hat sich seither nichts geändert. Das Schicksal der Reutlinger Sinti und Roma und speziell auch der Familie Reinhardt ist durch die Ausstellungen und Publikationen von Stadtarchiv und Heimatmuseum fundiert aufgearbeitet und adäquat do­kumentiert. Von einem Nachahmen der in einer ganzen Anzahl von Kommunen bereits realisierten „Stolpersteine-Aktion“ wird daher Abstand genommen.

 

Bislang ist man in Reutlingen bei der Anbringung allgemeiner historischer Hinweis- und per­sönlicher Gedenktafeln im Innenstadtbereich relativ zurückhaltend verfahren. Es wäre auch unangemessen, beliebig einzelne Stätten oder Personen herauszugreifen. Auch hinsichtlich anderer geschichtlicher Themenkreise liegen Anfragen nach Gedenktafeln vor (Frauengeschichtswerkstatt). Zudem wurde im Zusammenhang mit der Kulturkonzeption von verschiedener Seite eine verstärkte historische Erinnerungskultur und Bewusstseinsbildung (z. B. stärkere Präsenz von Tradition und Geschichte im öffentlichen Raum durch Infotafeln, Gebäudekennzeichnungen, thematische oder virtuelle Stadtrundgänge, Historischer Stadt­führer etc.) angeregt. Die Stadtverwaltung steht diesem grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Allerdings muss für eine solche dichtere historische Kennzeichnung im Stadtbild zunächst eine Gesamtkonzeption erarbeitet werden. In diesem Rahmen könnte in geeigneter Weise auf die Geschichte des Gerbertorhäuschens und das Schicksal seiner Bewohner hingewiesen werden. Im Haushalt 2005/2006 sind hierzu keine Mittel vorgesehen.

 

 

Zu 2.

Die Frage einer Umbenennung der Hindenburgstraße ist in der Vergangenheit schon mehr­fach erörtert worden. Hindenburg wird von der Geschichtswissenschaft kritisch-differenziert und in all seiner Ambivalenz als bedeutende Persönlichkeit der jüngeren deutschen Ge­schichte betrachtet. Sachlich zwingende Gründe für die Umbenennung einer Straße, die üb­rigens 1927 und (wieder) 1954 – und nicht etwa im Dritten Reich – nach Hindenburg benannt wurde, ergeben sich somit nicht. Insofern ist der dem Gemeinderat vorliegenden Stellung­nahme von EBM Reumann vom 06.08.2004 nichts hinzuzufügen.

 

 

Zu 3.

Auch die Person Carl Diems war erst in jüngerer Zeit Gegenstand einer ausführlichen Be­handlung im VKSA (GR-DS Nr. 01/57/3), bei der der Tübinger Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ommo Gruppe als Experte eine gutachterliche Stellungnahme abgegeben hat. Neue inhaltliche Argumente, die über die seinerzeit schon bekannten Veröffentlichungen und Ex­pertisen hinausgehen, liegen nicht vor. Allerdings hat mittlerweile auch der Deutsche Leicht­athletik-Verband eine Umbenennung des „Carl-Diem-Schildes“ und Diems Geburtsstadt Würzburg eine Namensänderung der dortigen Sporthalle vorgenommen. Derzeit läuft ein vom Deutschen Sportbund, dem NOK und der Deutschen Sporthochschule Köln in Auftrag gegebenes und am Historischen Seminar der Universität Münster angesiedeltes unabhängi­ges Forschungsprojekt, welches neben einer Gesamtbiographie auch eine Bewertung Carl Diems (auch im Hinblick auf Namensgebungen) enthalten soll. Das Ergebnis dieser Arbeit – ein Zwischenbericht ist für Ende 2006 angekündigt – und die daraus resultierenden Empfehlungen sollten abgewartet werden.


Zu 4.

Person und Werk Ludwig Finckhs stehen heute anders vor Augen als zum Zeitpunkt der Straßenbenennung 1926 anlässlich seines 50. Geburtstages. Die jüngere literaturwissen­schaftliche und historische Betrachtung zeichnet ein sehr ambivalentes Bild des Dichters (s. ausführliche Darlegung in der Anlage).

 

Ludwig Finckh, der einer alteingesessenen, angesehenen und weitverzweigten Reutlinger Familie entstammt, war seiner Vaterstadt zeit seines Lebens eng verbunden und hat ihr mit einigen seiner Werke ein literarisches Denkmal gesetzt. Ludwig Finckh gehört zum Kreis derjenigen Reutlinger Schriftsteller, die – zumindest in ihrer Zeit – auch weit über Reutlingen hinaus einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erlangt haben. Vor allem Finckhs frühen Roma­nen und Erzählungen waren zum Teil große Erfolge beschieden. In Reutlingen selbst, wo er mit zahlreichen Vertretern des öffentlichen und kulturellen Lebens rege Kontakte pflegte, hatte Ludwig Finckh auch in späteren Jahren eine große Leser- und Anhängerschaft und genoss hohes Ansehen. Unbestritten sind seine Verdienste um den Natur- und Landschafts­schutz, insbesondere um die Rettung des Hohenstoffeln.

 

Die Reutlinger Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Oskar Kalbfell hat 1954 auf gemeinderätlichen Beschluss dem nicht mit finanziellen Reichtümern gesegneten Dichter ein monatliches „Gratial“ in Höhe von 100, später von 200 DM zukommen lassen. Finckhs Urne wurde 1964, seinem letzten Wunsch entsprechend, mit einem Gedenkstein am Fußweg zur Achalm beigesetzt. Wesentliche Teile seiner schriftlichen Hinterlassenschaft befinden sich im Stadtarchiv und haben bis in die jüngere Vergangenheit durch zahlreiche weitere Zuwendungen der Familie und des Freundeskreises wertvolle Ergänzungen erfahren (zum Beispiel Hesse-Briefe). Auch das Heimatmuseum besitzt einen Finckh-Fundus; bis 1989 erinnerte ein sog. Finckhen-Zimmer an den Reutlinger Dichter.

 

Mit seiner in den 1920er Jahren immer deutlicher hervortretenden deutschnationalen, völki­schen Grundhaltung geriet Ludwig Finckh, wie viele Vertreter seiner Generation, ab 1933 in das ideologische Fahrwasser der Nationalsozialisten. Finckh war aber kein politischer Akti­vist und hat sich nichts zuschulden kommen lassen; im Entnazifizierungsverfahren wurde er freigesprochen. Insofern ist Ludwig Finckhs Lebensweg, wie Hermann Hesse urteilt, exem­plarisch für die Mehrzahl der deutschen Intellektuellen, wobei Hesse ihm „politische Naivität und persönliche Integrität“ bescheinigt.

 

Die in der allgemeinen Vorbemerkung dargelegten generellen Überlegungen, aber auch lo­kale Gründe lassen eine Beibehaltung des Straßennamens für gerechtfertigt erscheinen.

Die nach Ludwig Finckh benannte Grundschule (später Allgemeiner Schulkindergarten) im Wohngebiet Storlach existiert als schulische Einrichtung nicht mehr; in dem Gebäude der ehemaligen Ludwig-Finckh-Schule befinden sich seit Anfang der 1990er Jahre die Grund­schulförderklassen der Römerschanzschule.

 

 

Zu 5.

Der Name des schwäbischen Widerstandskämpfers und Hitler-Attentäters Georg Elser war lange in Vergessenheit geraten. Die Benennung einer Straße ist geeignet, die Erinnerung an diese mutige Tat im Bewusstsein der Öffentlichkeit wachzuhalten.

 

 

 

gez.

 

Robert Hahn

Bürgermeister

 

 

Anlagen


Anlagen:

60 J. Kriegsende, Aktivitäten, Anlage.doc 05-005-12.1 Anl. 1.tif 05-005-12.1 Anl. 2.tif